Wie fliegen Skispringerinnen optimal? – Ein Blick in das Forschungsprojekt „AeroOpt“
Was macht einen guten Skisprung aus? Neben Kraft, Technik und Timing spielt ein Faktor eine entscheidende Rolle, der für Außenstehende oft unsichtbar bleibt: die Aerodynamik. Genau hier setzt das Forschungsprojekt AeroOpt an. Ziel ist es, die Flughaltung im Skisprung besser zu verstehen und gezielt zu optimieren – insbesondere für weibliche Athletinnen, die in der bisherigen Forschung bislang nur unzureichend berücksichtigt wurden.
Eine Flugsimulationsanlage für den Skisprung
Ausgangspunkt des Projekts ist eine außergewöhnliche Infrastruktur: In Hinterzarten wurde 2025 eine speziell entwickelter Flugsimulationsanlage eröffnet, die es erstmals ermöglicht, die Flugphase des Skisprungs unter kontrollierten Bedingungen realitätsnah zu simulieren. Entwickelt wurde diese ebenfalls durch ein Forschungsprojekt der Hochschule Offenburg.
Während ein realer Sprung nur wenige Sekunden dauert, können Athlet*innen in dieser Anlage ihre Flugposition über längere Zeit einnehmen und gezielt variieren. Windgeschwindigkeiten von bis zu 100 km/h sorgen dabei für Bedingungen, die der Realität auf der Schanze sehr nahekommen. Damit entsteht ein einzigartiges „Labor“ für den Skisprung – eine Möglichkeit, die es in dieser Form bislang weltweit nicht gibt.
Forschungslücke: Skispringerinnen im Fokus
Ein zentraler Antrieb für das Projekt ist die Erkenntnis, dass viele bestehende wissenschaftliche Modelle und Trainingsansätze vor allem auf Daten männlicher Athleten basieren. Die spezifischen biomechanischen und aerodynamischen Anforderungen von Skispringerinnen sind jedoch bislang nur unzureichend erforscht.
Genau hier setzt AeroOpt an: Durch die gezielte Untersuchung weiblicher Athletinnen sollen neue, fundierte Erkenntnisse gewonnen werden, die langfristig in geschlechtsspezifische Trainingsmethoden überführt werden können.
Simulation trifft Realität
Im Zentrum der Forschung steht die Kombination aus numerischer Simulation und experimenteller Untersuchung. Mithilfe moderner Strömungssimulationen wird analysiert, wie Luft um den Körper strömt und welche Auswirkungen unterschiedliche Körperhaltungen oder Skiwinkel auf Auftrieb und Widerstand haben.
Parallel dazu werden in der Flugsimulationsanlage reale Messdaten erhoben. Sensoren erfassen dabei unter anderem Körperpositionen, Skiwinkel sowie Kräfte, die während des Fluges wirken. Der besondere Mehrwert entsteht durch die direkte Verknüpfung beider Ansätze: Simulationen können durch reale Daten überprüft und weiterentwickelt werden, während experimentelle Beobachtungen durch theoretische Modelle besser erklärbar werden.
Kleine Veränderungen mit großer Wirkung
Dabei zeigt sich immer wieder, wie sensibel das System „Skisprung“ auf kleinste Veränderungen reagiert. Bereits minimale Anpassungen in der Kopfhaltung, der Position der Arme oder dem Winkel der Ski können die Aerodynamik spürbar beeinflussen.
Diese Veränderungen wirken sich unmittelbar auf die Stabilität im Flug und letztlich auf die erzielte Weite aus. Die Flugsimulationsanlage ermöglicht es den Athletinnen erstmals, solche Effekte nicht nur theoretisch zu verstehen, sondern direkt zu erleben. Durch visuelles Feedback und Echtzeitdaten können sie ihre Haltung unmittelbar anpassen und optimieren.
Von der Forschung in die Praxis
Ein wesentliches Ziel des Projekts ist es, die gewonnenen Erkenntnisse nicht nur wissenschaftlich auszuwerten, sondern direkt in die Trainingspraxis zu übertragen. Die enge Zusammenarbeit mit dem Olympiastützpunkt Freiburg sowie mit Trainern und Athlet*innen spielt dabei eine zentrale Rolle.
Neue Trainingsmethoden sollen so entwickelt werden, dass sie sowohl im Spitzensport als auch im Nachwuchsbereich Anwendung finden können. Gerade für junge Athlet*innen bietet die Anlage die Möglichkeit, früh ein Gefühl für aerodynamisch günstige Flughaltungen zu entwickeln – ein entscheidender Vorteil für die langfristige Leistungsentwicklung.
Ausblick
AeroOpt verbindet auf besondere Weise Ingenieurwissenschaften und Sportwissenschaften. Die Kombination aus Simulation, experimenteller Forschung und praktischer Anwendung schafft eine neue Qualität in der Analyse des Skisprungs und leistet gleichzeitig einen wichtigen Beitrag zur Schließung einer bestehenden Forschungslücke.
In den kommenden Jahren sollen umfangreiche Datensätze entstehen, die ein tieferes Verständnis der Zusammenhänge zwischen Körperhaltung, Aerodynamik und Leistung ermöglichen. Langfristig könnte dies nicht nur zu besseren Trainingsmethoden führen, sondern auch die Leistungsentwicklung im Skisprung insgesamt vorantreiben.
Denn am Ende bleibt die zentrale Frage: Wie lässt sich der Flug durch die Luft so optimieren, dass er weiter, stabiler und effizienter wird?