Vom KI-Werkzeug zum produktiven System – zwei Perspektiven auf die Zukunft der Künstlichen Intelligenz
Künstliche Intelligenz ist in vielen Unternehmen angekommen – oft jedoch noch in begrenzter Form. Texte werden automatisiert erstellt, erste Analysen unterstützt. Doch das Potenzial reicht deutlich weiter. Das zeigen die Einschätzungen von Prof. Dr. Jürgen Seitz von der Hochschule Offenburg und Dr. Felix Kalkum aus der Unternehmenspraxis bei BurdaSolutions.
Prof. Dr. Jürgen Seitz: KI muss in Prozesse eingebunden werden
Für Prof. Dr. Seitz liegt die größte Aufgabe der kommenden Jahre darin, die Lücke zwischen den Fähigkeiten moderner KI-Systeme und ihrer tatsächlichen Nutzung in der Gesellschaft zu schließen.
„In vielen Unternehmen wird KI vor allem fürs Texten genutzt“, erklärt er. „Dabei können Modelle längst Entscheidungen unterstützen und ganze Aufgaben übernehmen – wenn sie sinnvoll in Prozesse eingebunden sind.“
Eine Schlüsselrolle spielen dabei sogenannte KI-Workflows. Durch die Kombination verschiedener Modelle und die Anbindung an Unternehmensdaten entstehen agentische Systeme, die komplette Aufgabenketten abarbeiten können – von der Analyse bis zur Umsetzung. Das entlastet Mitarbeitende, steigert die Produktivität und erhöht die Wettbewerbsfähigkeit.
Gleichzeitig betont Seitz die Bedeutung von KI-Souveränität für Europa. Anstatt sich auf einzelne internationale Anbieter zu verlassen, brauche es einen intelligenten Mix: internationale Modelle nutzen, aber mit europäischer Infrastruktur, eigenen Standards und regionalem Hosting kombinieren.
„Souveränität bedeutet nicht Abschottung“, sagt Seitz. „Aus Europas Forschungs- und Start-up-Landschaft kommen bereits vielversprechende Ansätze.“
Langfristig sieht er den größten Effekt nicht in einer einzelnen Technologie, sondern im Zusammenspiel aus KI-Assistenten, autonomen Agenten und Robotik.
Auch in Bereichen wie Medien, Bildung und Medizin erwartet er große Veränderungen – etwa durch Verfahren zur Kennzeichnung authentischer Inhalte, kuratiertes Lernen oder On-Device-KI für mehr Stabilität und Datensicherheit. Entscheidend seien positive Praxisbeispiele, die Vertrauen schaffen.
Dr. Felix Kalkum: Anwendungen werden wichtiger als große Modelle
Aus Unternehmenssicht sieht Felix Kalkum den größten Einfluss nicht in immer größeren Modellen oder Datenmengen, sondern in konkreten Anwendungen.
„Nicht Modelle oder Daten an sich werden die wirtschaftliche Entwicklung prägen, sondern Lösungen, die reale Probleme lösen“, betont er.
Dieser Fokus werde dazu führen, dass Open-Source-Modelle und kleinere KI-Systeme an Bedeutung gewinnen. Sie seien günstiger, ressourcenschonender und für viele Anwendungsfälle vollkommen ausreichend – oft relevanter als die neuesten Entwicklungen bei großen Frontier-Modellen.
Mit Blick auf die kommenden fünf Jahre erwartet Kalkum zudem neue Modellarchitekturen, die mit deutlich weniger menschengenerierten Trainingsdaten auskommen.
„Modelle, die mit weniger als einem Gigabyte menschlicher Daten trainiert wurden, könnten in vielen Aufgaben bereits menschliche oder sogar übermenschliche Leistungen erreichen“, so seine Einschätzung.
Besonders spannend sei dabei die Entkopplung von KI-Leistung und menschlichem Input, etwa durch Selbstlernen, synthetische Daten oder Interaktionen mit der Umwelt. Dadurch verschiebe sich die zentrale Frage:
Nicht mehr: „Welche Daten haben wir?“ Sondern: „Welche Ziele, Rahmenbedingungen und Werte optimieren wir?“
Die Gestaltung von Feedback-Systemen, Kontrollmechanismen und Belohnungsfunktionen werde damit zur Schlüsselkompetenz für Unternehmen und Gesellschaft.
Auch die öffentliche Debatte werde sich verändern: weg vom reinen Datenschutz hin zu der Frage, wer definiert, nach welchen oft impliziten Normen autonome KI-Systeme handeln sollen.
Zwei Perspektiven – ein gemeinsamer Kern
Ob aus Hochschule oder Unternehmen: Beide Stimmen machen deutlich, dass die Zukunft der KI weniger in spektakulären Einzeltechnologien liegt, sondern in der intelligenten Anwendung, Integration und Gestaltung.
Dort, wo Wissenschaft und Praxis zusammenarbeiten, entstehen Lösungen, die nicht nur technisch möglich sind, sondern echten Nutzen schaffen.
Kontakt
Prof. Dr. Jürgen Seitz,
Hochschule Offenburg
juergen.seitz@hs-offenburg.de
Dr. Felix Kalkum,
BurdaSolutions
felix.kalkum@burda.com
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