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Besonderes Engagement wird ausgezeichnet

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Stéphane Toguem Fokoua, Maschinenbaustudent der Hochschule Offenburg aus Kamerun, erhält Preis des Deutschen Akademischen Austauschdiensts.

Links: Dr. Alexander Burdumy, Mitte: Stéphane Toguem Fokoua, Rechts: Prof. Dr. Oliver Schäfer

Mit dem mit 1000 Euro dotierten Preis zeichnet der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) das besondere soziale und gesellschaftliche Engagement von Stéphane Toguem Fokoua aus. Der 26-jährige gebürtige Kameruner macht nach seinem Bachelor of Engineering in Maschinenbau  derzeit seinen Master of Science in Mechanical Engineering  an der Hochschule Offenburg. In seiner Freizeit arbeitet Stéphane Toguem Fokoua, der ursprünglich Medizin studieren wollte, noch als Pflegehilfskraft – heute im Pflege- und Betreuungsheim Ortenau Klinikum in Fußbach, früher im St. Josefskrankenhaus in Freiburg. Darüber hinaus unterstützt der 26-Jährige Geflüchtete bei ihrer Integration in Deutschland und ist Mitglied im Verein afrikanischer Studierender und Freunde in Offenburg. „Und auch in seiner Heimat war und ist Stéphane Toguem Fokoua aktiv“, erklärte Prof. Dr. Oliver Schäfer, Prorektor für Studium und Lehre, in seiner Laudatio. So habe der 26-Jährige früher als Jugendbetreuer im Jugendzentrum "Don Bosco" in Ebolowa, einer mit rund 60.000 Einwohnern ähnlich großen Stadt wie Offenburg, gearbeitet und unter anderem Jugendliche auf eine technische Ausbildung vorbereitet. Heute sei er bei der Konzeption, Planung und Umsetzung von Hilfsprojekten in Kamerun engagiert.

„Ich fühle mich sehr geehrt“, erklärte Stéphane Toguem Fokoua bei der Preisverleihung. Er habe auf seinem Weg von der Erfahrung vieler anderer profitiert und so viele Fehler vermeiden können. Außerdem stehe er für viele ausländische Studierende, die sich sozial engagieren.  

 

Interview mit Stéphane Toguem Fokoua, DAAD-Preisträger 2021

Herr Fokoua, wie und wo sind Sie aufgewachsen?

Ich bin, als eines von acht Geschwistern, in der Kleinstadt Ebolowa (160 Kilometer von der Hauptstadt Jaunde entfernt) im Süden Kameruns aufgewachsen. Meine Schulferien verbrachte ich stets in Bandjoun (330 Kilometer westlich von Jaunde) um meine Großmutter bei der Feldarbeit zu unterstützen. Mein Vater verstarb bereits als ich neun Jahre alt war. Trotzdem gelang es meiner Mutter stets, dass ich – im Gegensatz zu manch anderem Klassenkameraden – alle Schulbücher zur Verfügung hatte. Deshalb arbeitete ich die Aufgaben – zum Beispiel im Schulbuch für Mathematik – stets so schnell wie möglich durch, um danach das Buch an einen Schulkameraden weitergeben zu können, der kein eigenes Buch zur Verfügung hatte.

 

Warum haben Sie sich entschieden, Maschinenbau in Offenburg zu studieren?

Nach meinem Abitur lernte ich – auch auf Anraten meines Bruders, der zu dieser Zeit bereits in Freiburg lebte – Deutsch, um mich für ein Medizinstudium in Freiburg zu bewerben. Alternativ zum Medizinstudium in Freiburg, bewarb ich mich für den Studiengang Maschinenbau in Offenburg. Von ehemaligen kamerunischen Studierenden an der Hochschule hatte ich gute Rückmeldungen zum Studium in Offenburg erhalten. Außerdem gibt es eine Vielzahl an internationalen Unternehmen im Umkreis von Offenburg, die im Bereich Maschinenbau tätig sind. Ein weiterer wichtiger Punkt für meine Entscheidung in Offenburg zu studieren, war, dass die Zuganbindung nach Freiburg und Karlsruhe sehr gut ist.

Nach dem Bachelor wollte ich eigentlich nicht mehr weiter studieren sondern Geld verdienen. Aber Prof. Kohler sagte zu mir: „Wissen Sie, in einigen Jahren wird jedermann einen Bachelor haben, wenn Sie sich abheben wollen, müssen Sie einen Master haben“. Das hat mir zu Denken gegeben und mich motiviert, weiter zu machen. Für diesen Zuspruch und auch andere Unterstützung, die ich während meines Studiums erhalten habe, auch von Mitstudierenden bin ich sehr dankbar.

 

Was hat Sie dazu bewegt, neben dem Studium im Pflege- und Betreuungsheim Ortenau in Fußbach zu arbeiten und sich gleichzeitig noch in der Geflüchtetenhilfe und im Verein afrikanischer Studierender zu engagieren?

Nach meiner Ankunft in Deutschland habe ich von der Ausländerbehörde Freiburg einen Aufenthaltstitel für ein Jahr bekommen, um mich auf die Deutsche Sprachprüfung für den Hochschulzugang (DSH) vorzubereiten. Dass ich diese Prüfung nach nur zwei Monaten bestand, sprach sich in der afrikanischen Community schnell herum und ich erhielt zahlreiche Anfragen, ob ich beim Lernen helfen könne. Ich versuchte deshalb anderen zu zeigen, worauf es beim Lernen ankommt und vor allem Lerntechniken zu vermitteln.

Vor allem versuche ich andere – insbesondere auch Geflüchtete – dazu zu motivieren, eine richtige Ausbildung oder ein Studium zu machen, anstatt nur auf das schnell verdiente Geld als ungelernte Aushilfskraft zu bauen. Die Sprachkenntnisse sind der Schlüssel zum Erfolg. Um ihnen zu zeigen, dass es mir wirklich ernst ist, habe ich auch schon oft mit kleinen Krediten ausgeholfen. Nicht alle dieser Kredite wurden mir zurückgezahlt. Aber ich denke, das Leben oder Gott wird mir dies in irgendeiner Weise wieder vergelten. Die Dankbarkeit und die Anerkennung von diesen Menschen machen einen glücklich.

Vor Corona haben wir mit dem Verein afrikanischer Studierender außerdem jedes Wochenende ein Fußballspiel mit Geflüchteten organisiert. Das passt besser zur Lebenssituation der Geflüchteten als die Angebote der Vereine, bei denen sie sich erst anmelden müssen, und bei denen eine regelmäßige Teilnahme erwartet wird.

Um die Zeit nach dem Bestehen der Deutschprüfung bis zum Studienbeginn in Deutschland zu überbrücken, absolvierte ich damals in Freiburg ein Pflegepraktikum. Im Anschluss an dieses Praktikum wurde ich sofort als Pflegehilfskraft eingestellt und arbeite seither parallel zu meinem Studium. Obwohl ich inzwischen als Bachelorabsolvent des Studiengangs Maschinenbau in anderen Bereichen vielleicht mehr verdienen könnte, arbeite ich immer noch als Pflegehilfskraft. Diese Arbeit hilft mir, die alltäglichen Dinge im Leben – wie zum Beispiel die Tatsache, dass ich keine Hilfe zum Essen oder Gehen benötige – zu schätzen. Diese Arbeit erdet. Es wird einem bewusst, dass es auch nicht das Ende der Welt ist, wenn es mal nicht ganz rund läuft im eigenen Leben.

 

Wie fühlen Sie sich als Gewinner des DAAD-Preises 2021?

Ich fühle mich sehr geehrt und freue mich sehr, dass durch diesen Preis auch honoriert wird, welche Herausforderungen, insbesondere wir Studierenden aus Afrika, bewältigen. Einmal saß ich im Zug einem Kommunalpolitiker gegenüber der meinte, dass Studierende, die aus dem Ausland nach Deutschland kämen, ja sowieso aus so reichen Familien stammten, dass sie gut und gern die in Baden-Württemberg eingeführten Studiengebühren für internationale Studierende zahlen könnten. Diese Aussage hat mich so vor den Kopf gestoßen, dass ich nicht einmal darauf antworten konnte. Manche haben noch viel mehr nebenher gemacht und hatten es noch viel schwerer als ich. Darunter leiden dann natürlich die Noten. Aber sie haben es trotzdem geschafft!

Ich kenne aber auch viele, die ihr Studium abbrachen, weil sie es nicht mehr verkrafteten den eigenen Lebensunterhalt zu verdienen, sich gleichzeitig auf Prüfungen vorbereiten zu müssen und dann auch noch in vielen Lebensbereichen abwertend behandelt zu werden. Vor allem Deutsche, die selbst einen Migrationshintergrund haben, verhalten sich uns gegenüber teilweise schon sehr diskriminierend. Aber das sind natürlich nicht alle.

Ich freue mich, dass mit dem DAAD-Preis meine Leistung und auch diejenige anderer Studierender, die in einer ähnlichen Situation sind, Anerkennung findet. Dies gibt mir auch Kraft und Mut weiterzumachen. Außerdem freue ich mich sehr, dass Afrika im Allgemeinen, und Kamerun im Besonderen, durch meine Person gut repräsentiert wird und ich somit zu einem positiveren Bild in Deutschland beitragen kann.

 

Was für Pläne haben Sie für die Zeit nach Ihrem Studium?

Vor drei Wochen bin ich Vater geworden und daher aktuell vor allem mit der Unterstützung meiner Freundin und der Betreuung meines Sohns Matteo  beschäftigt. Gleichzeitig schreibe ich meine Seminararbeit bei Prof. Fleig im Projektteam Schluckspecht und nächstes Semester steht für mich dann die Master-Thesis an. Da meine Freundin von hier kommt, möchte ich danach eine Arbeitsstelle in der Region suchen. Parallel dazu möchte ich mich auch weiterhin sozial engagieren, insbesondere bei der Planung und Umsetzung von Hilfsprojekten in meinem Heimatland Kamerun. Das Projekt für den Bau von zwei Klassenzimmern in einem Dorf, in dem die Kinder bislang unter einem Baum sitzend unterrichtet werden, liegt bereits in der Schublade. Damit möchte ich auch ein wenig zurückgeben, was ich selbst bekommen habe.